Paweł Althamer - KAIROS-Preisträger 2013
Paweł Althamer, 1967 in Warschau geboren, studierte Bildhauerei an der Kunstakademie in Warschau. Ein früher künstlerischer Ausgangspunkt waren Skulpturen, für die er natürliche Materialien wie Gras, Wachs oder Haare verarbeitete, die nach einer gewissen Zeit verrotten und somit auf die Vergänglichkeit der Kunst hinweisen. Seit den 90er Jahren verfolgt Paweł Althamer eine besondere Form der partizipatorischen Kunstproduktion. Aus diesen Projekten ergeben sich nicht nur charakteristische Werke, sondern auch einzigartige Erlebnisse für die Beteiligten.

- Almech, Deutsche Guggenheim 2011-2012
So ließ er 2011 während der Ausstellung "Almech" in der "Deutsche Guggenheim" skulpturale Porträts von Besuchern und Ausstellungsführern, Reinigungs- und Wachpersonal, leitenden Bankangestellten und deren Kunden anfertigen und schuf damit ein monumentales, kollektives Selbstporträt. Die Porträtierten entdeckten die Möglichkeit der aktiven Beteiligung und Intervention, sie fanden sich in ihren Skulpturen wieder und verliehen der sonst üblichen Anonymität eines Ausstellungsbesuches ein individuelles Gesicht.

- Brodno, Jahreswechsel 1999/2000
In anderen Performances arbeitet Paweł Althamer mit Obdachlosen, Häftlingen oder Schwerkranken, die er aus ihrer isolierten sozialen Rolle herauslöst und zu künstlerischen Mitspielern ermächtigt. So leitet er beispielsweise seit fast zwanzig Jahren die "Nowolipie Gruppe", einen wöchentlichen Bildhauer-Workshop für an multipler Sklerose erkrankte Patienten. Die künstlerische Strategie der "sozialen Skulptur" prägt Althamers gesamtes Schaffen. Zur Jahrtausendwende inszenierte er mit seinen Nachbarn im gleichnamigen Wohnblock die kollektive Skulptur "Brodno". Er mobilisierte 200 Mieter, das Licht nach einem speziellen Plan an- und auszuschalten, so dass um Mitternacht auf der Fassade die Zahl 2000 sichtbar wurde. Diese einfache Idee verknüpfte auf überzeugende Weise Kunst und Leben, denn sie bot nicht nur eine visuelle Botschaft für den Betrachter, sondern stärkte auch die Gemeinschaft der Mieter. 2009 übertrug er die Rolle des Künstlers auf die Schulkinder der Stadt Kassel und überließ ihnen seine Ausstellung im Museum Fridericianum.
„Paweł Althamer beantwortet gesellschaftspolitische Fragen nach Partizipation, Gerechtigkeit und individuellen Handlungsspielräumen mit künstlerischen Strategien, die vertraute Strukturen und Regelsysteme unterlaufen. Wie wir wohnen, wie wir arbeiten, welche Werte uns wichtig sind – all das wird durch seine Installationen, Performances und Aktionen auf überraschende Weise bewusst. Er richtet unsere Aufmerksamkeit auf scheinbar Selbstverständliches oder Verdrängtes und vereint damit ästhetischen Anspruch und soziale Sensibilität in einem unverwechselbaren künstlerischen Schaffen, das Spuren hinterlässt.“, begründet das KAIROS-Kuratorium seine Wahl.
Die Verleihung des KAIROS-Preises an Paweł Althamer fand am 24. Februar 2013 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg statt.
Reden zur Preisverleihung
Begrüßung, Ansgar Wimmer (Vorstandsvorsitzender der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.)
Laudatio, Rein Wolfs
Rede, Prof. Dr. Christoph Stölzl (Vorsitzender des KAIROS-Kuratoriums)
KAIROS-Preis

- Der KAIROS-Preis
Der KAIROS-Preis wird seit 2007 an europäische Künstler und Wissenschaftler aus den Bereichen bildende und darstellende Kunst, Musik, Architektur, Design, Film, Fotografie, Literatur und Publizistik verliehen. Ausgezeichnet werden sowohl künstlerische Individualleistungen als auch die Leistungen derer, die Kultur in Europa ermöglichen und ihr entscheidende Impulse geben: Produzenten, Intendanten, Verleger, Festivalleiter und andere Initiatoren. Benannt nach dem Gott des „rechten Augenblicks“ der griechischen Mythologie, ist der Preis Anerkennung und Ermutigung zugleich: Er gilt Künstlern und Kulturschaffenden, die auf beispielhafte Weise unterwegs sind, ohne den Zenit ihres Schaffens bereits erreicht zu haben. Der KAIROS-Preis versteht sich nicht als Auszeichnung eines abgeschlossenen Lebenswerkes, sondern als Impuls zu weiterem Wirken.
Mit einer Preissumme von € 75.000 ist der Preis einer der höchstdotierten Kulturpreise in Europa. Seine Konzeption bündelt die zahlreichen früheren, über lange Jahre vergebenen, Kulturpreise der Stiftung und spiegelt zugleich die veränderten gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bedingungen im heutigen Europa wider.
Kuratorium
Über die Vergabe des Preises entscheidet jährlich ein unabhängiges Kuratorium. Diesem gehören zurzeit folgende Persönlichkeiten an:
Kuratoriumsvorsitzender:
Prof. Dr. Christoph Stölzl (Präsident Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar)
Kuratoriumsmitglieder:
Armin Conrad (Chefredakteur 3sat kulturzeit)
Dr. Christine Eichel (Autorin und Journalistin)
Heike Catherina Mertens (Vorstand Kultur Schering Stiftung)
Dr. Rainer M. Schaper (Kulturredakteur Schweizer Radio und Fernsehen)
Dr. Nike Wagner (Künstlerische Leiterin Kunstfest Weimar pèlerinages)





