Aktuelle Debatten und Publikationen
Die Geschichte der Stiftung F.V.S. und die biografischen Stationen des Stifters Alfred Toepfer bleiben Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und kritischer Begleitung der Stiftungsaktivitäten. Neue Publikationen und aktuelle Debatten machen wir auf dieser Seite öffentlich. Für weitere Hinweise zu einem verantwortlichen Umgang mit unserer Geschichte sind wir offen und dankbar.
Die Stiftungsgeschichte und das Wirken von Alfred Toepfer werden bisher von einer überschaubaren Zahl von Historikern fachkundig wissenschaftlich bearbeitet. Die Schlussfolgerungen aus den Forschungsergebnissen bleiben ebenso Gegenstand einer Debatte unter den Historikern wie die Vorgehensweisen zu einzelnen Forschungsgegenständen. Insbesondere zwei Ebenen spielen in diesen Debatten eine Rolle: Einzelne inhaltliche Aspekte, die von Forschern unterschiedlich eingeschätzt werden. Unter methodischen Aspekten wird wiederholt die Frage der Unabhängigkeit der Untersuchungskommission ins Feld geführt. Beide Aspekte spielen bei den Publikationen und Interventionen des Wissenschaftshistorikers Dr. Michael Fahlbusch und des Historikers Lionel Boissou eine Rolle. Darüber hinaus forscht derzeit in Großbritannien der Politikwissenschaftler Dr. Michael Pinto-Duschinsky zu Alfred Toepfer und seinem stifterischen wie unternehmerischen Wirken. Herr Pinto-Duschinsky befasst sich insbesondere damit, ob und in welchem Umfang Toepfer nach 1945 noch Kontakt zu nationalsozialistischen Entscheidungsträgern gepflegt hat und solche Personen in seinen Unternehmen beschäftigte. Die Stiftung unterstützt Recherchen wie andere seriöse Forschungsvorhaben nach ihren Möglichkeiten durch den Zugang zu Archiven sowie durch Vermittlung von Vorrecherchen und erwartet die Ergebnisse mit großem Interesse.
In diesem Sinne und zur Ermöglichung weitergehender wissenschaftlicher Forschung hat die Carl-Toepfer-Stiftung das bei ihr geführte Alfred-Toepfer-Archiv im Frühjahr 2010 an die unabhängige Stiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv überführt.
Neben den Publikationen der Historikerkommission gibt der folgende Artikel einen ersten Überblick über die anhaltende Debatte:
2005 - Der Schweizerer Historiker Prof. Georg Kreis zum anhaltenden Streit um die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.
Die Ablehnung des Hansischen Goethe-Preises durch Ariane Mnouchkine im Jahr 2005 hatte den Schweizer Historiker Georg Kreis veranlasst, sich erneut mit den Vorwürfen zu beschäftigen, die seit Beginn der 90er-Jahre unter Berufung auf die Biografie Alfred Toepfers und die Geschichte seines stifterischen Wirkens auch gegen die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. erhoben werden. Zur Genese dieser Vorwürfe gibt der Artikel aus dem Jahr 2005 einen grundlegenden Einblick, auch die anhaltende Kritik von Lionel Boissou und Gérad Loiseaux wird von Georg Kreis eingeordnet.
Das Ergebnis seiner Recherchen war zunächst allein für die Publikation in einem Aufsätze von Georg Kreis versammelnden Band vorgesehen und wurde uns dankenswerter Weise zur Dokumentation zur Verfügung gestellt.
Download - Prof. Georg Kreis, Zweifelhafter Umgang mit „zweifelhafter Vergangenheit“. Zum anhaltenden Streit um die Alfred Toepfer Stiftung. pdf-Datei, 24 Seiten
Mehr zur Ablehnung des Hansischen Goethe-Preises durch Ariane Mnouchkine.
2008 - Die Forschungsergebnisse und Positionierungen von Lionel Boissou und Dr. Michael Fahlbusch sind in folgenden Publikationen nachzulesen:
Im „Handbuch der völkischen Wissenschaft“, Ingo Haar und Michael Fahlbusch (Hg.), K.G. Saur Verlag, München 2008, ist von Lionel Boissou ein umfangreicher Artikel zur „Stiftung FVS Hamburg und Johann Wolfgang Goethe-Stiftung Vaduz“ erschienen. Der Artikel nimmt eine Positionierung Alfred Toepfers und seiner Stiftungen im Kontext nationalsozialistischer Politik vor.
Zu den sachlich falschen Aussagen bezüglich der Gegenwart der Stiftungsarbeit liegt dem Handbuch eine vom Verlag vertriebene Gegendarstellung bei, die Sie hier einsehen können: Gegendarstellung Toepfer Stiftung zu Boissou
Die Historiker Georg Kreis und Hans Mommsen beziehen Stellung zu dem Artikel: Stellungnahme Mommsen und Kreis zu Boissou.
Michael Fahlbusch bezieht Stellung zu den Forschungsarbeiten von Kreis und Mommsen in seinem Aufsatz "Wissenschaft und Politikberatung - Zur Kontroverse über die Volkstumsforschung im Dritten Reich", erschienen in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, hgg. v. J. Böhm, H 2, 2008, S. 60-73.
2010 - Britischer Politikwissenschaftler präsentiert Tatsachen zur Stiftungsgeschichte als neu aufgedeckten Skandal und bedient sich dabei der Forschungsergebnisse, die bereits seit zehn Jahren von der Stiftung publiziert werden.
In einem Beitrag für die April Ausgabe der britischen Zeitschrift „Standpoint Magazine“ setzt sich der Politikwissenschaftler Dr. Michael Pinto-Duschinsky unter dem Titel „The Prize Lies of a Nazi Tycoon“ kritisch und mit erheblichen Vorwürfen nicht nur mit der Vergangenheit der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und ihres Stifters, sondern auch mit ihrem heutigen Umgang mit dieser Geschichte auseinander. Pinto-Duschinsky, der bei seinen Recherchen von der Stiftung unterstützt wurde und entgegen seinen Behauptungen uneingeschränkten Zugang zu den Archiven zugesichert erhielt, präsentiert dabei eine Vielzahl von Tatsachen als von ihm aufgedeckten Skandal, die die Stiftung bereits vor zehn Jahren als Bestandteil ihrer historischen Aufarbeitung erforschen ließ und publizierte. In seinem Beitrag zitiert er heutige Stiftungsvertreter aus dem Zusammenhang gerissen, stellt das Bemühen um Aufarbeitung unvollständig dar und zeichnet ein eher groteskes Zerrbild einer gemeinnützigen Institution, die vermeintlich noch immer die Augen vor ihrer eigenen Geschichte verschließt.
Eine Übersicht über den Vorlauf der Diskussion seit 2008, über die Position der Stiftung sowie weitere Informationen zum Vorgehen von Herrn Dr. Pinto-Duschinsky sind hier nachzulesen: Brief von Ansgar Wimmer an Dr. Michael Pinto-Duschinsky vom 11.01.2010 (pdf). Der Brief ist auch die Grundlage, aus dem Zitate aus dem Zusammenhang genommen und für obigen Artikel verwendet werden.
Ungenannte Quelle der als neu präsentierten Fakten zur Stiftungsgeschichte ist u.a. die 2008 erschienene Biografie "Alfred Toepfer" von Dr. Jan Zimmermann. (hgg. v. der ZEIT-Stiftung in der Reihe Hamburger Köpfe, Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2008).
Dr. Jan Zimmermann hat auf eigene Initiative und mit Unterstützung der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. in einer präzisen Analyse (pdf) nachgewiesen, welche Erkenntnisse von Herrn Dr. Pinto-Duschinsky tatsächlich neu sind und inwieweit die Publikation von Dr. Pinto-Duschinsky auf bereits publizierter Forschung Dritter beruht. Bedauerlicherweise legt Dr. Pinto-Duschinsky die umfangreiche Nutzung fremder, von der Stiftung geförderter Forschungsergebnisse nur sehr begrenzt offen. Ungeachtet dessen hat sich die Stiftung auch den neuen Forschungsergebnissen und der damit verbundenen Kritik zu stellen und tut dieses.
Seit vielen Jahren betont die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. die Notwendigkeit einer rückhaltlosen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und akzeptiert die Verantwortung für die Verstrickungen ihres Stifters in der Zeit des Nationalsozialismus. Aus ihrer Erklärung Transparenz als Leitgebot wird deutlich, dass sie sich von diesen wie auch seiner Unterstützung für Akteure des Regimes in der Nachkriegszeit längst deutlich distanziert hat und diese uneingeschränkt bedauert. Nicht nur in ihrer programmatischen Arbeit, sondern auch in ihrem Bemühen um Geschichtsaufarbeitung ist die Stiftung heute weit entfernt davon, irgendeinen Aspekt ihrer Geschichte oder ihres Stifters zu beschönigen, zu verschleiern oder zu rechtfertigen. Leider ist auch der begleitende Kommentar des Editors vom "Standpoint Magazine" sowie ein nachfolgender Kommentar in der "Sunday Times" vom 28.03.2010 von profunder Unkenntnis über die heutige Arbeit und Ausrichtung der Stiftung geprägt. So informiert die Stiftung heute von sich aus und umfassend ihre aktuellen Preisträger und Stipendiaten über die Kontroversen um ihre Vergangenheit und stellt sich jeglicher diesbezüglicher Debatte.
Eine differenzierte und sachliche Auseinandersetzung mit der Thematik veröffentlichte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in der Ausgabe vom 07.04.2010 unter dem Titel "Gutes Geld, dunkle Absichten". Weiterhin ist am 30. April 2010 ein Bericht in der Oxforder Studentenzeitung "Cherwell" erschienen. Am 10. Juni 2010 hat Herr Dr. Pinto-Duschinsky in einem Kommentar „How historians remove stains“ für die in London erscheinende „Jewish Chronicle“ seine Vorwürfe gegen die Stiftung wiederholt, verschärft und mit gravierenden Anschuldigungen auf die geschichtswissenschaftliche Forschung an der Universität Oxford ausgeweitet. Hierzu hat die Stiftung gegenüber der Londoner Wochenzeitung unter der Überschrift „Bordering on the absurd“ Stellung bezogen. Zudem veröffentlichte die „Jewish Chronicle“ am 2. Juli 2010 unter dem Titel „History Rebuttal“ einen Leserbrief der Oxforder Historiker Prof. Jane Caplan und Dr. Nicholas Stargardt, der sich kritisch mit den von Dr. Pinto-Duschinsky geäußerten Vorwürfen gegenüber der Universität Oxford auseinandersetzt. Schließlich veröffentlichte das „Oxford Magazine“ im Juni 2010 eine Stellungnahme des Oxforder Historikers Prof. Dr. Hartmut Pogge von Strandmann.
Zur Vorbereitung eines Gesprächs mit Vertretern der Universitäten Oxford und Cambridge hat die Stiftung schließlich in englischer Sprache eine umfassende Stellungnahme „To be unambiguously clear“ vorgelegt, in der sie zu ihrer eigenen Geschichte, aber auch zu den Vorwürfen von Herrn Dr. Pinto-Duschinsky, seiner „Forschung“ und der Art seines Vorgehens Stellung bezieht. Im Sinne der Transparenz wird die Stellungnahme an dieser Stelle veröffentlicht, die sehr umfangreichen Anlagen hierzu sind, soweit sie nicht bereits auf dieser Seite dokumentiert sind, auf Wunsch im Archiv des Hanseatischen Wirtschaftsarchivs einsehbar. Bedauerlicherweise hat sich Herr Dr. Pinto-Duschinsky geweigert, an dem von den Universitäten Oxford und Cambridge initiierten Gespräch teilzunehmen, auch ist der von ihm im DeGruyter Verlag angekündigte wissenschaftliche Beitrag von den Herausgebern zurückgezogen worden.
Stattdessen ist unter dem Titel „Der Kampf um Geschichte“ zum Deutschen Historikertag im September 2010 eine von dem Baseler Geographen und Wissenschaftshistoriker Michael Fahlbusch übersetzte und mit Fußnoten versehene Fassung des Artikels in dem Sammelband „Völkische Wissenschaften und Politikberatung im 20. Jahrhundert“ (hrsg. von Ingo Haar und Michael Fahlbusch, Schöningh Verlag, 2010) erschienen. Auch dieser Beitrag weist leider eine Vielzahl von zum Teil gravierenden methodischen und sachlichen Fehlern auf und zeichnet ein der Realität weitgehend entrücktes Bild von der heutigen Position der Stiftung. Dies ist umso mehr zu bedauern, weil sich die Stiftung mit den Herausgebern des Sammelbandes in der fortdauernden Notwendigkeit einer qualifizierten und lückenlosen wissenschaftlichen Aufarbeitung ihrer Geschichte sowie der Biographie Alfred Toepfers einig weiß. Die Herausgeber haben sich und den Sammelband im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am 11. Oktober 2010 am Institut für Soziologie der Universität Basel präsentiert und weitere Thesen zu einer aus ihrer Sicht gescheiterten historischen Aufarbeitung vorgelegt.
Am 26. November 2010 hat sich die Universität Oxford schließlich nach fast einjähriger, eingehender Prüfung dazu entschlossen, die Zusammenarbeit mit der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. fortzusetzen.
Am 10. März 2011 erschien im „Times Higher Education“, einer Beilage der britischen Tageszeitung „The Times“, eine umfassende Analyse des renommierten britischen Historikers Richard J. Evans zur Debatte um die Fortsetzung der Hanseatic Scholarships. Weitere Reaktionen und Diskussionsbeiträge sind in den folgenden Ausgaben von "Standpoint Magazine" hierzu nachzulesen
Die Stiftung stellt aktuell weitere Ressourcen zur Verfügung, um eine unabhängige wissenschaftliche Befassung mit ihrer Geschichte und der ihres Stifters zu ermöglichen. So steht Wissenschaftlern, die in den Beständen des Hanseatischen Wirtschaftsarchivs oder anderen Archiven zu diesem Thema forschen wollen, die Möglichkeit offen, formlos Archivstipendien für forschungsrelevante Kosten zu beantragen. Über die Anträge entscheidet ein von der Stiftung unabhängiges und fachkundiges Gremium unter Beteiligung der Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung, Frau Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, des Direktors der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg der Universität, Prof. Dr. Axel Schildt sowie des Leiters der KZ Gedenkstätte Neuengamme, Dr. Detlef Garbe.
Perspektiven
Um eine Rezeption des Kenntnisstandes zur Stiftungsgeschichte, wie er seit Publikation der grundlegenden Forschungsarbeit "Alfred Toepfer. Stifter und Kaufmann. Bausteine einer Biographie – Kritische Bestandsaufnahme" (2000) durch eine unabhängige Historikerkommission vorliegt, zu gewährleisten wurden Ergebnisse und einzelne Folgeaufsätze ins Französische und Englische übersetzt.
Das Engagement der Stiftung für Transparenz der eigenen Geschichte ist ein zentraler Bestandteil unserer Aktivitäten. Dem wird Raum gegeben an prominenter Stelle in öffentlichen Veranstaltungen (siehe dazu etwa die Rede Hans Mommsen während der Kairos-Preisverleihung 2007 an Albrecht Dümling) und im einzelnen Gespräch beim Erstkontakt mit potenziellen Partnern der Stiftung.
Ebenso wichtig ist der Stiftung ein Augenmerk auf das Engagement anderer Akteure, die sich mit der Aufarbeitung der Geschichte ihrer Institutionen im Nationalsozialismus befassen. So erhielten etwa Eckart Krause und Privatdozent Dr. Rainer Nicolaysen den Max-Brauer-Preis 2008 für ihr außerordentliches Engagement für die Geschichtsaufarbeitung der Universität Hamburg.
Auch bei der Entscheidung über Förderungen einzelner Forschungsarbeiten und Projekte gilt der historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein besonderes Augenmerk. Insbesondere die Förderung einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Rolle von Adolf Rein als Rektor der Universität Hamburg war der Stiftung ein Anliegen, da Rein auch Mitglied der Stiftungsrates der Stiftung F.V.S. war. Siehe: Arndt Goede, „ Adolf Rein und die `Idee der politischen Universität´“, Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, Berlin/Hamburg 2008.
Des Weiteren finden Sie rechts aus dem umfangreichen Förderprogramm der Stiftung jene geförderten Arbeiten zusammengestellt, die sich die Aufarbeitung des Nationalsozialismus zum Thema machten.
